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Goldkurs

7. Januar 2009

Goldmedaille bei den Paralympics. Gold! Unfassbar. Als Robert Prem mir die Sieges-sms aus China schickte, war ich begeistert. Als hätte ich selbst mit hand angelegt beim Triumph auf dem Wasser, als hätte ich selbst die Franzosen und Australier in Grund und Boden gesegelt. Gold ist ansteckend! Erst recht, als wir unseren Goldjungen am Berliner Hauptbahnhof abholten. Nicht nur wir, die Freunde des Olympiahelden, nein – jeder auf dem Bahnsteig wollte seine Glückwünsche loswerden, ein Foto mit Robert oder einmal die Medaille antatschen. „Die hat wirklich was magisches“, so Roberts Resumee nach gefühlten tausendfünfhundert „ darf ich die mal anfassen?“ Und dann natürlich die offiziellen Ehrungen. Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Regierender Bürgermeister, Innensenator, Abgeordnete. Wowereit hat Robert gut gefallen: „Sehr witzig, sehr angenehm, sehr präsent – macht richtig Spaß. Und er hat auch Ahnung. Ich wusste vorher gar nicht, dass er einen Bruder hat, der auch im Rollstuhl sitzt. Bei Angela Merkel ging es weniger intim zu. „Das hatte was von einem großen Schauspiel. Wie Maria Stewart. Auf der einen Seite ist sie sehr verbindlich und man hat den Eindruck, sie hört einem zu. Andererseits ist da eine irrsinnige Distanz.

Robert Prem / Bundespräsident Horst KöhlerVerleihung des “silbernen Lorbeerblatts” durch Bundespräsident Horst Köhler

Den Bundespräsidenten hat Robert bei der Verleihung des „silbernen Lorbeerblatts“ kennen gelernt. Anderthalb Stunden übergab Horst Köhler die Trophäen – Auftritt, Übergabe, Fotolächeln, ca. 20 Sekunden Smalltalk. Die hat Robert dazu genutzt, dem Bundespräsidenten zu danken, dass er zu Olympia nach Peking gekommen war – im Gegensatz zur Kanzlerin. „Die deutsche Community in China hatte schon Probleme. Die chinesischen Geschäftspartner waren ziemlich enttäuscht, dass Angela Merkel nicht gekommen ist. Da hat Köhler einiges wieder rausgerissen. Und das hatte sich der erste Mann im Staat gemerkt. Als wir beim anschließenden Empfang mit Gläschen in der Hand herum stehen – ich hatte Robert als „Olympia-Groupie“ begleitet – da stoppt Köhler auf dem Weg nach draußen noch mal kurz, um ein paar Worte mit Robert zu wechseln. Als er mich daneben bemerkt, fragt Köhler: gehören Sie zusammen?“ Ich nicke, daraufhin ergreift der Bundespräsident meine Hand, schaut mir in die Augen und sagt: „Sie müssen sehr, sehr stolz auf ihn sein.“ Ich befürchte, ich hab ziemlich blöd geschaut. Denn ganz offenbar überkamen den Präsidenten Zweifel an meiner Zugehörigkeit und er sagte leicht verwirrt: Ach, ich will mich da nicht einmischen.“ Was auch immer er damit gemeint hat, Horst Köhler ist ganz eindeutig ein höchst sympathischer Mensch.

Aber zurück zum Helden der Geschichte. 17 Jahre sitzt Robert Prem im Rollstuhl – nach einem unglücklichen Fenstersturz. Er hat sich mit seinem Querschnitt abgefunden. Hadert er nie mit seinem Schicksal? „Aber hallo! Es gibt schon Momente, da kotzt Du. Das sind Momente voller Ungeduld, wenn Du zum Beispiel vor der Bushaltestelle stehst und kannst nicht in den Bus, weil sich ein Auto direkt davor gestellt hat. Tja, dann kommst du eben nicht mit. Und das sind die Momente, in denen ich richtig zornig werde. Hilft Dir dann niemand? In der Stoßzeit um 17 Uhr ist das schwierig, aber normalerweise erlebe ich die Leute als wirklich sehr hilfsbereit und freundlich . Man hat als Behinderter auch einen Bonus. Und wie siehst Du Dich im Traum? Behindert oder nicht? Behindert. Ich träume inzwischen als Rollstuhlfahrer. Am Anfang war das anders, ich weiß gar nicht mehr, nach wie viel Jahren sich das geändert hat. Bist du heute mit Dir im Reinen? Grundsätzlich schon. Ich weiß, ich war selber schuld, ich hab mir das selber eingebrockt – über lange Jahre. Was heißt das? Das heißt: zuviel Alkohol, zuviel Nachtleben, zu gefährlich gelebt. Ich wollte immer der Beste, der Tollste und der Schönste sein. Ich hab mich nicht mehr aufs Wesentliche konzentriert. Musste da was passieren? Bei diesem Lebenswandel schon. Ich hab im Krankenhaus oft darüber nachgedacht, dass ich mich an einigen Punkten des Lebens anders hätte entscheiden können. Aber ich war stur. Man sagt ja auch: man bricht sich den Rücken, weil man nicht elastisch, nicht flexibel genug ist. Das hat viel mit Uneinsichtigkeit zu tun. Und das bricht einem dann das Kreuz. Glaubst Du an Schicksal? Ja, ich glaube an Ursache und Wirkung, da bin ich ganz Buddhist. Wo, glaubst Du, wärst Du heute, wenn Du damals nicht aus dem Fenster gestürzt wärst? Ich glaube, der Unfall war die letzte Warnung. Bei dieser Art zu leben gab es nicht viele Möglichkeiten. Wie hat der Unfall Deine Beziehung zu Frauen verändert, frage ich. Und merke, wie Robert leicht ins Schleudern gerät. Eindeutig ein schwieriges Thema. Da hat sich einiges verändert. Früher hab ich nichts anbrennen lassen, ich hab mich zwar nach einer Frau und Familie gesehnt, aber ich hab es nicht auf die Reihe bekommen. Jetzt ist alles viel vorsichtiger. Aber Du hattest nach dem Unfall eine Beziehung. Ja……aber die hat auch nur drei Jahre gedauert. Dann war es auch wieder vorbei. Vielleicht ist das einfach nichts für mich…

Salzufer GalaDie Goldsegler Robert Prem, Jens Kroker, Sigi Mainka und Goldgroupie Milena

Wir wechseln das Thema. Wie hat sich Dein Leben nach dem Olympiagold verändert? Ich bin jetzt pausenlos unterwegs und turne permanent auf irgendwelchen Empfängen rum. Das macht schon Spaß, aber manchmal hoffe ich doch, dass bald wieder der Alltag einkehrt. Damit ich auch wieder in Ruhe trainieren kann. Aber irgendwas muß sich doch noch verändert haben. Robert arbeitet im Jahrgangsbüro/9. Jahrgang in der Friedensburg-Oberschule und kümmert sich um die Probleme der Schüler. Wie haben die denn auf die Goldmedaille reagiert? Naja, das hat schon so eine gewisse Ehrfurcht und einen Grundrespekt gebracht. Jetzt kennt mich ja die ganze Schule. Die Kinder haben alle auch irgendwie die Goldmedaille gewonnen. Das hat das Miteinander ein großes Stück verbessert. Und wie hat der Sieg Dich verändert. Hat Dich die Medaille selbstbewusster gemacht?
Ja, schon. Ich glaube, ich werde erwachsener. Aber ich muss es mir selbst immer wieder vor Augen halten. Nee, Prem, das ist jetzt nicht nur Zufall, Du hast es Dir verdient. Du hast es geschafft. Du hast zweieinhalb Jahre hart trainiert. Du hast es durchgestanden. Was sind absolute no nos für Rollstuhlfahrer? Stehempfänge. Eine tolle Sache, wenn Du im Rollstuhl sitzt. Eigentlich logisch, und darum umso skurriler, dass Paralympics-Sponsor Mercedes seine große Gala des Behindertensports ausgerechnet mit so einem Stehempfang begonnen hat. Und da war es sicher für niemanden schön, dass die Behinderten vorwiegend den Schritt ihrer Gesprächspartner im Blick hatten. Was würdest Du gerne machen, wenn Du frei entscheiden könntest? Oh…..hmmmm, ich bin eigentlich zufrieden. Ich arbeite gerne in der Schule, das macht furchtbar Spaß mit den Kindern. Auch mein Sport, Badminton und Segeln, läuft super. Ich wünschte mir nur, besser organisiert zu sein, aber sonst ist alles okay. Ich bin zufrieden, mit dem, was ich lebe. Und die Medaille ist wirklich ein großes Geschenk.

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