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Tatort Schloss Bellevue?

16. Januar 2009

Peter Sodann will Bundespräsident werden – für die Linkspartei. Ein Schauspieler als erster Mann im Staat? Der 72-jährige ist auf jeden Fall ein höchst politischer Mensch – mit sehr linken und sehr festgelegten Vorstellungen. Und niemand wird den Ex-Tatort-Kommissar von seiner Überzeugung abbringen, nicht in diesem Leben. Ich weiß das, weil ich ihn vor zweieinhalb Jahren für die Bild-Zeitung Leipzig interviewt habe. Sodann ist überzeugt von seiner eigenen Wahrheit – aber trotzdem ein durchaus spassiger Sparringspartner. Ich glaube, wer dieses Interview gelesen hat, der weiß wie Peter Sodann tickt. Viel Spaß…

Was fällt Ihnen zur deutschen Politik ein?
Lassen Sie es mich mit Brechts Kinderalphabet sagen. Da steht unter dem Buchstaben H: Hindenburg war ein schlechter General. Sein Krieg nahm ein böses Ende. Die Deutschen sagten `Teufel noch mal – den machen wir zum Präsidenten. Und so zieht sich das doch durch die ganze deutsche Politiklandschaft.
Sind wir dumm?
Vielleicht ein bisschen. Oder besser gesagt – ich glaube, dass wir immer nur bis zu einem gewissen Punkt denken und dann nicht daraus schlussfolgern.
Beispiel?
Ich stand mal in der Drogerie neben einer Frau, die drei Dosen Spray kaufte. Ich hab sie gefragt: Wissen Sie nicht, dass die Ozonschicht dadurch beschädigt wird? Da sagt sie: Ja natürlich weiß ich das. Die sind aber nicht für mich. Die will ich verschenken.
Und andere Völker sind cleverer?
Vielleicht nicht cleverer, aber sie beschäftigen sich etwas mehr mit sich selbst.
Hat Ihnen der neue Patriotismus letzten Sommer in Deutschland gefallen?
Sie meinen, als alle die schwarz-rot-goldene Fahne geschwenkt haben?
Ja
Das gefällt mir gar nicht. Ich krieg da immer so ein Grausen. Ich bin halt ein bisschen älter und da erinnert man sich an so vieles. Ich weiß, ich red mich hier bei der Bevölkerung um Kopf und Kragen – aber ich weiß auch nicht, warum man die Nationalhymne spielen muss, wenn einer einen 100-Meterlauf gewinnt.
Wo haben Sie denn Ihr Bundesverdienstkreuz zu Hause liegen?
Im Schrank
Holen Sie es manchmal raus?
Nee. Oder doch – manchmal, wenn ich mit Besuch über beide deutschen Staaten flachse, dann sag ich immer: ich bin einer der wenigen Bürger Deutschlands, die den Nationalpreis und das Bundesverdienstkreuz bekommen haben. Und bei beiden weiß ich nicht so genau, warum.
Was mögen Sie an diesem neuen, wiedervereinigten Deutschland?
Also, was ich nicht mag…
…nein, das ist zu leicht. Ich möchte wissen, was sie mögen.
An dieser Gesellschaft?
Genau.
Das wir alle ein bisschen besser leben. Ich mag, dass man nicht hinter jedem Pfund Gips oder jeder Holzlatte her rennen muss – obwohl, das hatte auch seinen Reiz, weil man sich mehr freute, wenn man etwas zustande gebracht hatte.
Und was ist mit der Demokratie?
Tja, mit dieser Demokratie hab ich schon ein Problem. Die Leute gehen nicht mehr zur Wahl, weil sie es satt haben. Weil sie merken, dass zwar jeder alles sagen kann, aber es trotzdem anders gemacht wird. Und wenn man wählen geht, dann bildet man sich ein: ich wähle das geringste Übel. Aber das geringste Übel ist ja auch ein Übel.
Sind Sie tolerant?
Nicht allem gegenüber. Ich bin nicht tolerant gegenüber Dummheit. Und das schlimmste ist; Niemand tut etwas gegen Dummheit und für Kultur und Bildung. Nicht mal mehr die Künstler. So – worüber unterhalten wir uns jetzt? Wir plaudern ja hier…
… .ist doch schön. Was nervt eigentlich Ihre Frau am meisten an Ihnen?
Wenn ich in einer Gaststätte auf die obligatorische Frage `hat es Ihnen geschmeckt` sage: Nein.
Und das ist ihr peinlich…
Ja.
Widerspricht Ihnen Ihre Frau?
Ständig.
Ach, wirklich?
Nein, das ist nicht wahr. Aber sie versucht, meine Art, mich mit Dingen auseinander zu setzen, etwas freundlicher zu gestalten. Aber ich finde Höflichkeit, die verlogen ist, eigentlich unhöflich. Wenn einer scheiße aussieht, muss ich ja nicht sagen: Du siehst gut aus.
Manchmal muss man auch gar nichts sagen.
Stimmt, man kann sich auch raushalten. Obwohl, raushalten ist auch schlecht…
Da hab ich ja Glück gehabt…
Ach, ich hab mich inzwischen schon mit Ihrem Gesicht angefreundet.
Das geht aber schnell bei Ihnen.
Tja, ich bin eben ein normaler Mann.
Haben Sie eigentlich gute Freunde, die politisch eher rechts stehen?
Ach, so viele gute Freunde hat man nicht…
Anders gefragt – diskutieren Sie viel mit Andersdenkenden?
Ich diskutiere eigentlich mit jedem. Ich sag halt meine Meinung und wenn der andere damit nicht zufrieden ist, hat er Pech.
Und was ist mit seiner Meinung?
Wenn die vernünftig ist und mir nahe kommt…
…und wenn nicht?
Dann hat er Pech.
Sind Sie eigentlich der Typ, der in den Urlaub fährt?
Ich glaube, letztes oder vorletztes Jahr war ich in Südtirol, weil mir das jemand empfohlen hatte.
Müssen Sie dann, weil Ihre Frau das möchte, oder fahren Sie freiwillig?
Naja, eine Art Freiwilligkeit war schon dabei….
Sind Sie ein Familienmensch?
Was mir meine gesamte Familie übel nimmt, ist, dass ich mir keine Geburtstage merke. Auch nicht den meiner Kinder. Obwohl, letztes Mal bin ich gefragt worden, wann mein Dackel geboren ist, und da hab ich gesagt: am 16. Februar. Das ist ganz merkwürdig…
…Und ganz schön unsympathisch.
Nein, das ist nicht unsympathisch. Ha, einen weiß ich noch – den Geburtstag meiner Mutter. Aber den konnte ich mir nur merken, weil Adolf Hitler im gleichen Monat Geburtstag hatte.
Super! Haben Sie sich eigentlich einen Dackel angeschafft, weil der auch so renitent ist?
Man kann ihn teilweise erziehen.
Kommt er, wenn Sie ihn rufen?
Manchmal schon. Wenn wir raus wollen, ruf ich: Bruno – Gassi! Bruno kommt also und setzt sich zwei Meter vor mir hin. Dann geh ich in die Küche und hole zwei Drops. Und dann lässt er sich das Halsband anlegen. Da hat er mich wirklich gut erzogen.

Peter Sodann wurde 1936 in Meißen geboren. Ab 1959 studierte er an der Theaterhochschule Leipzig und leitete dort das Studentenkabarett „Rat der „Spötter“, das 1961 als konterrevolutionär eingestuft und aufgelöst wurde. Sodann wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Sein erstes Engagement hatte er 1964 am Berliner Ensemble. Nach zahlreichen Stationen ließ er sich 1980 in Halle nieder – bis 2005 als Intendant des „neuen theaters“. 14 Jahre lang verkörperte der 70-jährige außerdem den Kommissar Ehrlicher im „Tatort“. Sodann hat vier Kinder und ist in zweiter Ehe mit seiner Frau Cornelia verheiratet

Den Originalartikel finden Sie auf meiner Homepage www.milenapreradovic.de unter “Arbeitsproben”

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Vorsicht! Abstinenzler!

12. Januar 2009

„Du trinkst Wasser?! Bist Du Alkoholiker, oder was?“ Kein Scherz – genauso ist es passiert. An einem warmen Mittag draußen am Strand. Und es war ausgerechnet der Typ, der schon zwei Bierchen intus hatte. Okay, ich, die einzige ohne Alkohol vor mir war also die Alkoholikerin. Logisch ist das nicht.

Aber deutsche Realität. Stehen Sie mal auf einer Party an einer gut bestückten Bar – und in Ihrer Hand nichts als ein Glas Mineralwasser – blinkendes, glitzerndes Mineralwasser. So kam es mir wirklich vor. Jeder schaute auf mein Wasser, jeder hatte was dazu zu sagen. Warum trinkst du denn nichts, war noch das harmloseste. Die Blicke der anderen wurden von Glas zu Glas feindlicher – ich war ein Outlaw, der die „Normalen“ an ihren Alkoholkonsum erinnerte.

Und dann kommen die, die mich erlösen wollen – wahlweise mit einem Kölsch oder einem Glas Wein. „Ach kommt – nur eins“ – Nein danke, ich möchte nicht – „nur dieses klitzekleine Gläschen“ – danke, ich trinke keinen Alkohol – „ach Mensch , sei doch kein Spielverderber“. Da ist das Wort – Spielverderber. Rumstehen, Wasser trinken und den anderen ein schlechtes Gewissen bereiten.

Allerdings – als Begleitung zu Silvesterpartys bin ich gefragt wie keine. Mit Führerschein, mit Auto – aber ohne Promille.

Von der Kanzlerin ist übrigens überliefert, dass sie nach langen anstrengenden Sitzungen in die Runde schaut und fragt: trinken wir noch was? Und wer nicht ganz schnell denn Blick senkt – der hat verloren.

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Goldkurs

7. Januar 2009

Goldmedaille bei den Paralympics. Gold! Unfassbar. Als Robert Prem mir die Sieges-sms aus China schickte, war ich begeistert. Als hätte ich selbst mit hand angelegt beim Triumph auf dem Wasser, als hätte ich selbst die Franzosen und Australier in Grund und Boden gesegelt. Gold ist ansteckend! Erst recht, als wir unseren Goldjungen am Berliner Hauptbahnhof abholten. Nicht nur wir, die Freunde des Olympiahelden, nein – jeder auf dem Bahnsteig wollte seine Glückwünsche loswerden, ein Foto mit Robert oder einmal die Medaille antatschen. „Die hat wirklich was magisches“, so Roberts Resumee nach gefühlten tausendfünfhundert „ darf ich die mal anfassen?“ Und dann natürlich die offiziellen Ehrungen. Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Regierender Bürgermeister, Innensenator, Abgeordnete. Wowereit hat Robert gut gefallen: „Sehr witzig, sehr angenehm, sehr präsent – macht richtig Spaß. Und er hat auch Ahnung. Ich wusste vorher gar nicht, dass er einen Bruder hat, der auch im Rollstuhl sitzt. Bei Angela Merkel ging es weniger intim zu. „Das hatte was von einem großen Schauspiel. Wie Maria Stewart. Auf der einen Seite ist sie sehr verbindlich und man hat den Eindruck, sie hört einem zu. Andererseits ist da eine irrsinnige Distanz.

Robert Prem / Bundespräsident Horst KöhlerVerleihung des “silbernen Lorbeerblatts” durch Bundespräsident Horst Köhler

Den Bundespräsidenten hat Robert bei der Verleihung des „silbernen Lorbeerblatts“ kennen gelernt. Anderthalb Stunden übergab Horst Köhler die Trophäen – Auftritt, Übergabe, Fotolächeln, ca. 20 Sekunden Smalltalk. Die hat Robert dazu genutzt, dem Bundespräsidenten zu danken, dass er zu Olympia nach Peking gekommen war – im Gegensatz zur Kanzlerin. „Die deutsche Community in China hatte schon Probleme. Die chinesischen Geschäftspartner waren ziemlich enttäuscht, dass Angela Merkel nicht gekommen ist. Da hat Köhler einiges wieder rausgerissen. Und das hatte sich der erste Mann im Staat gemerkt. Als wir beim anschließenden Empfang mit Gläschen in der Hand herum stehen – ich hatte Robert als „Olympia-Groupie“ begleitet – da stoppt Köhler auf dem Weg nach draußen noch mal kurz, um ein paar Worte mit Robert zu wechseln. Als er mich daneben bemerkt, fragt Köhler: gehören Sie zusammen?“ Ich nicke, daraufhin ergreift der Bundespräsident meine Hand, schaut mir in die Augen und sagt: „Sie müssen sehr, sehr stolz auf ihn sein.“ Ich befürchte, ich hab ziemlich blöd geschaut. Denn ganz offenbar überkamen den Präsidenten Zweifel an meiner Zugehörigkeit und er sagte leicht verwirrt: Ach, ich will mich da nicht einmischen.“ Was auch immer er damit gemeint hat, Horst Köhler ist ganz eindeutig ein höchst sympathischer Mensch.

Aber zurück zum Helden der Geschichte. 17 Jahre sitzt Robert Prem im Rollstuhl – nach einem unglücklichen Fenstersturz. Er hat sich mit seinem Querschnitt abgefunden. Hadert er nie mit seinem Schicksal? „Aber hallo! Es gibt schon Momente, da kotzt Du. Das sind Momente voller Ungeduld, wenn Du zum Beispiel vor der Bushaltestelle stehst und kannst nicht in den Bus, weil sich ein Auto direkt davor gestellt hat. Tja, dann kommst du eben nicht mit. Und das sind die Momente, in denen ich richtig zornig werde. Hilft Dir dann niemand? In der Stoßzeit um 17 Uhr ist das schwierig, aber normalerweise erlebe ich die Leute als wirklich sehr hilfsbereit und freundlich . Man hat als Behinderter auch einen Bonus. Und wie siehst Du Dich im Traum? Behindert oder nicht? Behindert. Ich träume inzwischen als Rollstuhlfahrer. Am Anfang war das anders, ich weiß gar nicht mehr, nach wie viel Jahren sich das geändert hat. Bist du heute mit Dir im Reinen? Grundsätzlich schon. Ich weiß, ich war selber schuld, ich hab mir das selber eingebrockt – über lange Jahre. Was heißt das? Das heißt: zuviel Alkohol, zuviel Nachtleben, zu gefährlich gelebt. Ich wollte immer der Beste, der Tollste und der Schönste sein. Ich hab mich nicht mehr aufs Wesentliche konzentriert. Musste da was passieren? Bei diesem Lebenswandel schon. Ich hab im Krankenhaus oft darüber nachgedacht, dass ich mich an einigen Punkten des Lebens anders hätte entscheiden können. Aber ich war stur. Man sagt ja auch: man bricht sich den Rücken, weil man nicht elastisch, nicht flexibel genug ist. Das hat viel mit Uneinsichtigkeit zu tun. Und das bricht einem dann das Kreuz. Glaubst Du an Schicksal? Ja, ich glaube an Ursache und Wirkung, da bin ich ganz Buddhist. Wo, glaubst Du, wärst Du heute, wenn Du damals nicht aus dem Fenster gestürzt wärst? Ich glaube, der Unfall war die letzte Warnung. Bei dieser Art zu leben gab es nicht viele Möglichkeiten. Wie hat der Unfall Deine Beziehung zu Frauen verändert, frage ich. Und merke, wie Robert leicht ins Schleudern gerät. Eindeutig ein schwieriges Thema. Da hat sich einiges verändert. Früher hab ich nichts anbrennen lassen, ich hab mich zwar nach einer Frau und Familie gesehnt, aber ich hab es nicht auf die Reihe bekommen. Jetzt ist alles viel vorsichtiger. Aber Du hattest nach dem Unfall eine Beziehung. Ja……aber die hat auch nur drei Jahre gedauert. Dann war es auch wieder vorbei. Vielleicht ist das einfach nichts für mich…

Salzufer GalaDie Goldsegler Robert Prem, Jens Kroker, Sigi Mainka und Goldgroupie Milena

Wir wechseln das Thema. Wie hat sich Dein Leben nach dem Olympiagold verändert? Ich bin jetzt pausenlos unterwegs und turne permanent auf irgendwelchen Empfängen rum. Das macht schon Spaß, aber manchmal hoffe ich doch, dass bald wieder der Alltag einkehrt. Damit ich auch wieder in Ruhe trainieren kann. Aber irgendwas muß sich doch noch verändert haben. Robert arbeitet im Jahrgangsbüro/9. Jahrgang in der Friedensburg-Oberschule und kümmert sich um die Probleme der Schüler. Wie haben die denn auf die Goldmedaille reagiert? Naja, das hat schon so eine gewisse Ehrfurcht und einen Grundrespekt gebracht. Jetzt kennt mich ja die ganze Schule. Die Kinder haben alle auch irgendwie die Goldmedaille gewonnen. Das hat das Miteinander ein großes Stück verbessert. Und wie hat der Sieg Dich verändert. Hat Dich die Medaille selbstbewusster gemacht?
Ja, schon. Ich glaube, ich werde erwachsener. Aber ich muss es mir selbst immer wieder vor Augen halten. Nee, Prem, das ist jetzt nicht nur Zufall, Du hast es Dir verdient. Du hast es geschafft. Du hast zweieinhalb Jahre hart trainiert. Du hast es durchgestanden. Was sind absolute no nos für Rollstuhlfahrer? Stehempfänge. Eine tolle Sache, wenn Du im Rollstuhl sitzt. Eigentlich logisch, und darum umso skurriler, dass Paralympics-Sponsor Mercedes seine große Gala des Behindertensports ausgerechnet mit so einem Stehempfang begonnen hat. Und da war es sicher für niemanden schön, dass die Behinderten vorwiegend den Schritt ihrer Gesprächspartner im Blick hatten. Was würdest Du gerne machen, wenn Du frei entscheiden könntest? Oh…..hmmmm, ich bin eigentlich zufrieden. Ich arbeite gerne in der Schule, das macht furchtbar Spaß mit den Kindern. Auch mein Sport, Badminton und Segeln, läuft super. Ich wünschte mir nur, besser organisiert zu sein, aber sonst ist alles okay. Ich bin zufrieden, mit dem, was ich lebe. Und die Medaille ist wirklich ein großes Geschenk.