Peter Sodann will Bundespräsident werden – für die Linkspartei. Ein Schauspieler als erster Mann im Staat? Der 72-jährige ist auf jeden Fall ein höchst politischer Mensch – mit sehr linken und sehr festgelegten Vorstellungen. Und niemand wird den Ex-Tatort-Kommissar von seiner Überzeugung abbringen, nicht in diesem Leben. Ich weiß das, weil ich ihn vor zweieinhalb Jahren für die Bild-Zeitung Leipzig interviewt habe. Sodann ist überzeugt von seiner eigenen Wahrheit – aber trotzdem ein durchaus spassiger Sparringspartner. Ich glaube, wer dieses Interview gelesen hat, der weiß wie Peter Sodann tickt. Viel Spaß…
Was fällt Ihnen zur deutschen Politik ein?
Lassen Sie es mich mit Brechts Kinderalphabet sagen. Da steht unter dem Buchstaben H: Hindenburg war ein schlechter General. Sein Krieg nahm ein böses Ende. Die Deutschen sagten `Teufel noch mal – den machen wir zum Präsidenten. Und so zieht sich das doch durch die ganze deutsche Politiklandschaft.
Sind wir dumm?
Vielleicht ein bisschen. Oder besser gesagt – ich glaube, dass wir immer nur bis zu einem gewissen Punkt denken und dann nicht daraus schlussfolgern.
Beispiel?
Ich stand mal in der Drogerie neben einer Frau, die drei Dosen Spray kaufte. Ich hab sie gefragt: Wissen Sie nicht, dass die Ozonschicht dadurch beschädigt wird? Da sagt sie: Ja natürlich weiß ich das. Die sind aber nicht für mich. Die will ich verschenken.
Und andere Völker sind cleverer?
Vielleicht nicht cleverer, aber sie beschäftigen sich etwas mehr mit sich selbst.
Hat Ihnen der neue Patriotismus letzten Sommer in Deutschland gefallen?
Sie meinen, als alle die schwarz-rot-goldene Fahne geschwenkt haben?
Ja
Das gefällt mir gar nicht. Ich krieg da immer so ein Grausen. Ich bin halt ein bisschen älter und da erinnert man sich an so vieles. Ich weiß, ich red mich hier bei der Bevölkerung um Kopf und Kragen – aber ich weiß auch nicht, warum man die Nationalhymne spielen muss, wenn einer einen 100-Meterlauf gewinnt.
Wo haben Sie denn Ihr Bundesverdienstkreuz zu Hause liegen?
Im Schrank
Holen Sie es manchmal raus?
Nee. Oder doch – manchmal, wenn ich mit Besuch über beide deutschen Staaten flachse, dann sag ich immer: ich bin einer der wenigen Bürger Deutschlands, die den Nationalpreis und das Bundesverdienstkreuz bekommen haben. Und bei beiden weiß ich nicht so genau, warum.
Was mögen Sie an diesem neuen, wiedervereinigten Deutschland?
Also, was ich nicht mag…
…nein, das ist zu leicht. Ich möchte wissen, was sie mögen.
An dieser Gesellschaft?
Genau.
Das wir alle ein bisschen besser leben. Ich mag, dass man nicht hinter jedem Pfund Gips oder jeder Holzlatte her rennen muss – obwohl, das hatte auch seinen Reiz, weil man sich mehr freute, wenn man etwas zustande gebracht hatte.
Und was ist mit der Demokratie?
Tja, mit dieser Demokratie hab ich schon ein Problem. Die Leute gehen nicht mehr zur Wahl, weil sie es satt haben. Weil sie merken, dass zwar jeder alles sagen kann, aber es trotzdem anders gemacht wird. Und wenn man wählen geht, dann bildet man sich ein: ich wähle das geringste Übel. Aber das geringste Übel ist ja auch ein Übel.
Sind Sie tolerant?
Nicht allem gegenüber. Ich bin nicht tolerant gegenüber Dummheit. Und das schlimmste ist; Niemand tut etwas gegen Dummheit und für Kultur und Bildung. Nicht mal mehr die Künstler. So – worüber unterhalten wir uns jetzt? Wir plaudern ja hier…
… .ist doch schön. Was nervt eigentlich Ihre Frau am meisten an Ihnen?
Wenn ich in einer Gaststätte auf die obligatorische Frage `hat es Ihnen geschmeckt` sage: Nein.
Und das ist ihr peinlich…
Ja.
Widerspricht Ihnen Ihre Frau?
Ständig.
Ach, wirklich?
Nein, das ist nicht wahr. Aber sie versucht, meine Art, mich mit Dingen auseinander zu setzen, etwas freundlicher zu gestalten. Aber ich finde Höflichkeit, die verlogen ist, eigentlich unhöflich. Wenn einer scheiße aussieht, muss ich ja nicht sagen: Du siehst gut aus.
Manchmal muss man auch gar nichts sagen.
Stimmt, man kann sich auch raushalten. Obwohl, raushalten ist auch schlecht…
Da hab ich ja Glück gehabt…
Ach, ich hab mich inzwischen schon mit Ihrem Gesicht angefreundet.
Das geht aber schnell bei Ihnen.
Tja, ich bin eben ein normaler Mann.
Haben Sie eigentlich gute Freunde, die politisch eher rechts stehen?
Ach, so viele gute Freunde hat man nicht…
Anders gefragt – diskutieren Sie viel mit Andersdenkenden?
Ich diskutiere eigentlich mit jedem. Ich sag halt meine Meinung und wenn der andere damit nicht zufrieden ist, hat er Pech.
Und was ist mit seiner Meinung?
Wenn die vernünftig ist und mir nahe kommt…
…und wenn nicht?
Dann hat er Pech.
Sind Sie eigentlich der Typ, der in den Urlaub fährt?
Ich glaube, letztes oder vorletztes Jahr war ich in Südtirol, weil mir das jemand empfohlen hatte.
Müssen Sie dann, weil Ihre Frau das möchte, oder fahren Sie freiwillig?
Naja, eine Art Freiwilligkeit war schon dabei….
Sind Sie ein Familienmensch?
Was mir meine gesamte Familie übel nimmt, ist, dass ich mir keine Geburtstage merke. Auch nicht den meiner Kinder. Obwohl, letztes Mal bin ich gefragt worden, wann mein Dackel geboren ist, und da hab ich gesagt: am 16. Februar. Das ist ganz merkwürdig…
…Und ganz schön unsympathisch.
Nein, das ist nicht unsympathisch. Ha, einen weiß ich noch – den Geburtstag meiner Mutter. Aber den konnte ich mir nur merken, weil Adolf Hitler im gleichen Monat Geburtstag hatte.
Super! Haben Sie sich eigentlich einen Dackel angeschafft, weil der auch so renitent ist?
Man kann ihn teilweise erziehen.
Kommt er, wenn Sie ihn rufen?
Manchmal schon. Wenn wir raus wollen, ruf ich: Bruno – Gassi! Bruno kommt also und setzt sich zwei Meter vor mir hin. Dann geh ich in die Küche und hole zwei Drops. Und dann lässt er sich das Halsband anlegen. Da hat er mich wirklich gut erzogen.
Peter Sodann wurde 1936 in Meißen geboren. Ab 1959 studierte er an der Theaterhochschule Leipzig und leitete dort das Studentenkabarett „Rat der „Spötter“, das 1961 als konterrevolutionär eingestuft und aufgelöst wurde. Sodann wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Sein erstes Engagement hatte er 1964 am Berliner Ensemble. Nach zahlreichen Stationen ließ er sich 1980 in Halle nieder – bis 2005 als Intendant des „neuen theaters“. 14 Jahre lang verkörperte der 70-jährige außerdem den Kommissar Ehrlicher im „Tatort“. Sodann hat vier Kinder und ist in zweiter Ehe mit seiner Frau Cornelia verheiratet
Den Originalartikel finden Sie auf meiner Homepage www.milenapreradovic.de unter “Arbeitsproben”


